Kiez Geschichten

Isla Coffee. Ein Gespräch.

Peter Duran vom Isla Coffee hat sich die Zeit für unsere Fragen genommen. Es geht um die circular economy und seine Heimat Detroit. Außerdem nehmen wir einen kurzen Abstecher nach Neukölln.

  

Eine Frage zum Einstieg, seit wann gibt es das Isla Café?

Uns gibt es jetzt seit 14 Monaten. Philipp, mein Partner und ich, haben vorher zusammen in der Markthalle 9 gearbeitet.

                                  

Und wie lange kennt ihr euch?

Auch seit 3 Jahren erst. Ich bin nach Berlin gezogen, aus Holland, nachdem ich dort mein Studium im Bereich nachhaltige Entwicklung abgeschlossen hatte.

 

Wo war das?

In Utrecht. War ein ziemlich cooles Programm - man hatte sehr viele praktische Anwendungen. Und so sind wir auch auf diese Idee gestoßen, weil ich dort ein Praktikum im Bereich Nachhaltigkeitsberatung in der Lebensmittelindustrie gemacht habe. Und während unserer Arbeit im Cafe 9 haben wir uns gedacht, das könnten wir auch besser machen. Und deswegen haben wir uns dazu entschieden, Isla aufzumachen, um dieses Wissen anzuwenden: Wie man Nachhaltigkeit, also die ‚circular economy‘, praktisch umsetzt.

 

Mit eurem aktuellen Konzept seid ihr jetzt an also einem Punkt, an dem du sagen würdest, ihr habt erfolgreich eure Ziele umgesetzt?

»Wir setzen es Schritt für Schritt um. Das hatten wir auch von Anfang an vor, mit kleinen Projekten  zu starten und dann zu gucken, wie sie funktionieren. Wenn sie klappen, behalten wir sie, und wenn nicht, dann nicht.«


Und jetzt sind wir so weit, dass wir das meiste ohne Verpackung geliefert bekommen, außer die Sachen, die wir wiederverkaufen. Das meiste kommt in Pfandkästen. Wir beziehen alles mehr oder weniger aus der Markthalle 9, dort rösten wir den Kaffee, der dann auch mit den Lebensmitteln geliefert wird. Einen Kompostkasten gibt es auch. Der nächste Schritt ist, dass wir mit der Kaffeebar in der Gräfestraße zusammen arbeiten, die sich auch sehr mit Nachhaltigkeit und dem Thema ‚zero waste‘ beschäftigen. Und die beziehen auch die Küche mit ein - Also sie würden dann die Reste von uns verarbeiten, in Form von Backwaren. Also sprich Saftreste werden dann zu Karottenkuchen usw. Gerade können wir nur die Kuhmilch weiter verwerten. Wenn wir diese aufschäumen bleibt immer etwas übrig, was wir dann den Tag aufbewahren. Und diese Reste dann zu Cottage Käse, Ricotta oder Joghurt zu verarbeiten.

 

Wie ist das eigentlich in Deutschland – da gibt es doch super viele Regulierungen, inwieweit kann man denn Lebensmittel, bzw. ‚Abfall‘ wieder verwenden?

Es kommt immer auf die Beschreibung an. Wenn man sich die Küche anschaut, wie unsere Großeltern gekocht haben, war es normal, alles zu benutzen. D.h. die Spitzen, die wir abschneiden, das würde man sowieso machen, sprich, wenn du Brokkoli machst, kannst du das, was übrig bleibt als Pesto verwenden.  Und das wird nicht anders angesehen. Es kommt einfach darauf an, wie wir das vorstellen. Und die Verfahren, die wir anwenden, sind auch nicht anders, im Vergleich zu der Herangehensweise, die man normalerweise hat. Z.B. beim Ricotta Käse, der ja übersetzt auch nur ‚2x aufgekocht‘ heißt.

Das, was wir machen, ist da gar nicht anders. Die Milch wird einfach hier in der Kanne vorne aufgeheizt und dann wieder in der Küche im Topf. Sprich, wenn die Hygiene kommt und sich das angucken würde, dann sollte es eigentlich keine Probleme damit geben. Auch weil wir das nur im Laden verwenden. Wenn wir das nun weiter vertreiben würden, dann würden andere Regulierungen greifen.

 

Wie ist das bei euren Backwaren?

Also die Hefesachen beziehen wir über Albatross. Das ist so eine neue Bäckerei in der Görlitzerstraße. Wir haben ein Nachhaltigkeitsprojekt mit denen, dass wir die restlichen Backwaren von ihnen zum Ende der Woche bekommen und für unser Frühstücksangebot benutzen. Zimtbrötchen und Croissants werden zerschnitten und dann mit der übrig gebliebenen Milch und Eiern gebacken und aufgeschnitten. Das ganze wird dann mit Obst der Saison zubereitet.

 

Macht es dir Spaß, alles was du in der Uni gelernt hast jetzt praktisch anwenden zu können?

Ja schon. Aber vor allen auch für unseren Koch bedeutet das immer wieder mit neuen Herausforderungen umzugehen.

Auf der anderen, praktischen Seite, weil wir die Idee auch verbreiten wollen, macht das ganze auch finanziell Sinn. D.h. am Tag belegen wir 16 Brote mit dem Käse, der eigentlich aus Müll gemacht wurde. Die meisten spezialisierten Kaffeeläden schäumen die Milch nicht zwei Mal auf, weil das nicht gut schmeckt.

 

Und dann wird sie einfach weggeschmissen?

Genau, das kommt einfach immer weg. Das sind 2,3 Liter am Tag.

 

Das unterschätzt man!

Auf jeden Fall. Im Durchschnitt verbrauchen wir 16 Liter frische Milch am Tag. Und 2-3 Liter bleiben übrig.  Es ist auch nie so, dass man die perfekt Menge in die Kanne gießt und dann auch beim Schäumen ist es nie korrekt.

 

Ihr seid jetzt 14 Monate hier, wie kommt der Laden an?

Gut. Wir hatten das Glück, dass der Laden, der hier vorher drin war, ein veganes Café war. Von daher ist unser Konzept jetzt nicht komplett anders. Die Stammgäste waren ein bisschen skeptisch am Anfang, weil der Laden vorher ein bisschen diese Neuköllner Art hatte - ganz viele Vintage Möbel, vielleicht ein bisschen herunter gekommen vom Aussehen. Und die Leute waren auch alle super lässig. Auch finanziell macht unser Laden einen Unterschied. Wenn man so einen Preis wie wir für einen Cappuccino verlangt, muss man das in diesem Kiez schon ernst nehmen. Und auch die Qualität liefern, jedes Mal. Aber die Leute haben gemerkt, dass wir wirklich dahinter stehen und nicht nur Preis und Aussehen wichtig sind. Wir kennen uns mit jeder Kaffeesorte aus, die wir ausschenken. Die ändert sich auch ständig. Leute, die sich am Anfang gar nicht für Kaffee interessiert haben fragen nach, „Und was gibt es für eine Bohne heute?“

 

Coole Entwicklung!

Ja, ja voll! Noch mehr Mehrwert was auf die Arbeit der Bauern übertragen werden kann. Deren Arbeit wird dadurch auch mehr wertgeschätzt. Ein Kaffee aus Brasilien schmeckt so, und der aus Äthiopien schmeckt fruchtiger, schon cool.

 

Wächst das Interesse an Konzepten wie dem von Isla?

Ich glaube ja, diese Art der Nachfrage wächst hier. Was nicht immer positiv angesehen ist. Weil das auch schnell als Gentrifikation bezeichnet wird. Gentrifikation ist aber auch nicht unbedingt eine schlechte Entwicklung.

Das bedeutet auch in einer gewissen Weise Aufwertung.  Und die Leute, die hier hin ziehen, die auch einen Beitrag leisten und oft mehr Geld haben, haben auch legitime Wünsche. Es sind auch viele die aus dem Ausland kommen. Und gerade die, die im Kaffeebereich arbeiten oder Leute, die vielleicht eine andere Kaffeekultur kennen, oder sich für gutes Bier interessieren, nicht unbedingt in Mengen, einfach ab und zu mal, auch die haben ein Recht auf ihre Wünsche. Und klar, man redet von Zugänglichkeit, und man will eigentlich alle ansprechen - das kann man aber einfach nicht. Ich würde niemals in eine Billo Bäckerei gehen, weil mich das nicht anspricht. Lieber keinen Kaffee trinken, als schlechten. Und von so einem Angebot gibt es schon genug hier im Kiez.Es beschweren sich die wenigsten. Ich glaube, ich habe in den letzten 14 Monaten und ich bin hier täglich, 14 Beschwerden gehabt. Und die meisten sind dann auch bereit ein Gespräch zu führen. 


»Was dazu führt, dass die Leute erkennen, dass wirklich etwas dahinter steckt. Das war auch die Idee für den Ausbau des Tresens, bei dem alles umgedreht ist. Damit man sieht, was für ein Handwerk dahinter sich abspielt. Es gibt keine Barriere, die zwischen uns und dem Kunden steht.«

 



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[Anmerkung von uns. Das Konzept der Circular Economy ist interessant, vor allem weil es dem schwammigen Begriff "Nachhaltigkeit" etwas konkreteres entgegensetzt. Es antwortet mit einem klaren Konzept, auf die Frage "Was bedeutet es, wenn ein Café von sich behauptet "nachhaltig" zu agieren?" 

Wir haben Peter gefragt, ob er Lust hat in einem Gastartikel etwas genauer auf diesen Ansatz einzugehen und wie es im Isla Coffee umgesetzt wird.

Er hat ja gesagt! Der Artikel ist noch in Arbeit, sobald er fertig ist, werdet ihr hier weitergeleitet.]

 


 


Um das Stichwort Gentrifizierung noch mal aufzugreifen. Es hört sich so an, dass du dem ganzen nicht unbedingt negativ gegenüber stehst…

Ich komme aus Detroit und da ändert sich es jetzt auch gerade sehr stark. Man fragt sich was die Lösung für solche Prozesse ist, weil das auch einfach eine sehr natürliche Entwicklung ist.  Und ich glaube der Punkt und die wichtigste Frage ist, ob es eine Möglichkeit gibt, mitzuwirken. Und ob man da Lust hat mit zu wirken. Weil die Sachen werden sich ändern. Und man kann sich entweder beschweren oder mitgestalten. Das kann auch eine Gegenbewegung sein. Man kann auch sagen, okay wir bleiben hier, wir machen ein Konter-Angebot und werden politisch.

 

Aber manchmal kann man sich ja auch gar nicht richtig anpassen bzw. wehren? Wenn du in einem ‚betroffenem‘ Viertel aufgewachsen bist, aber du kommst aus einer ärmeren Familie, ihr seid schon immer hier gewesen. Und dann setzt eben diese Entwicklung, die Mieten steigen. Was sollst du dagegen machen? Du kannst dich beschweren, du kannst dich politisch engagieren. Aber inwiefern reicht so etwas tatsächlich aus?

Ja vielleicht sehe ich das nur aus der amerikanischen Perspektive. Dass sich so viele Leute selbstständig machen. Dort ist man aktiver.

 

Eine andere Kultur?

»Ja, ich glaube es ist eine andere Kultur. Weil für mich ist es eine Selbstverständlichkeit sich gegen etwas zu wehren, wenn es einem nicht passt.«


In Deutschland wird man mehr vom Staat beeinflusst. Ich versuche das in einer netten Weise zu sagen. Deutschland ist ein Sozialstaat. Der sich um die Leute kümmert. Und die meisten sind daran gewöhnt und haben auch das Gefühl, dass sie geschützt werden. Eben auch geschützt vor Sachen wie der Gentrifizierung.

 

Also ja, ich denke es gibt dafür eine Lösung.  Mir macht es Spaß dass die  Besitzer der Falafel Läden nebenan hierhin kommen, um Kaffee zu trinken. Und die können sich das nicht unbedingt jeden Tag leisten.  Aber wir sagen dann hey, lass uns einen Austausch machen.   

 

Das ist wahrscheinliche das Schöne daran, der Austausch.

Aber man fragt sich, wie man sowas im Rahmen halten kann. Ich würde es schade finden, wenn es nur mich geben würde.

 

Glaubst du das Isla Cafe würde auch in Detroit funktionieren?

Ja ich glaube schon. Es müsste nur anders aussehen. Denn da ist man sehr viel mehr vom Auto abhängig. Du hast nicht so viel Fußverkehr. Und es wohnen auch nicht so viele junge Leute nah aneinander. Diese Dichte fehlt einfach.


Man bräuchte mehr Werbung?

Ja genau. Mehr Internet Werbung, das muss ein bisschen mehr auf Take-Away getrimmt werden. Aber das coole ist da, dass die Kaffeekultur einen Schritt weiter ist als hier. Hier sind die Leute immer noch relativ skeptisch was die neue Kaffeekultur betrifft. Man hat hier weniger Verständnis für Dinge, die anders schmecken.

 

Ja, das fällt mir auch selber bei mir auf. Dass man eher nach dem Preis schaut anstatt danach, wo der Kaffee eigentlich herkommt…

Das ist sehr ironisch. Weil Deutschland bevor es Aldi und Lidl gab, mehr oder weniger den besten Kaffee der ganzen Welt bezogen hatte. Eigentlich fast komplett aus Kolumbien. Was zu der Zeit die beste Produktion hatte. Und zu dem Zeitpunkt hat man sehr viel Kaffee schwarz und Filterkaffee getrunken. Und der war gut. Und als die Discounter auf den Markt gekommen sind, gab es dieses Preis Argument, dass alles billiger und günstiger werden musste. Und darunter litt die Kaffeequalität. Deswegen hat man angefangen Milch dazu zu trinken und Zucker rein zu machen.

 

Alles was nachhaltiges Essen und sowas betrifft ist in Detroit sehr am wachsen. Obwohl die Stadt relativ arm ist.  Und es gibt super viele urbane Landwirtschaften. Unterschiedliche Projekte von der Regierung. Damit die Leute mehr gutes Essen bekommen. Vor ein paar Jahren gab es keine Supermärkte in der Stadt. Es war einfach nicht profitabel. Es gab Kiosk, also Spätis. Die Supermärkte gab es in den Vororten, da wo es Geld gibt. Der Stadtkern von Detroit war sehr arm, und die Vororte waren immer sehr reich. Außerdem war alles für die Autoindustrie ausgebaut. Und die ganzen Fabriken waren in der Stadt drin, dort wo die armen Menschen gewohnt haben. Und die Büros waren dann in den Vororten.


Also eigentlich genau umgekehrt wie bei uns.

Genau. Und dann hatten wir das Freihandelsabkommen NAFTA mit Mexiko Und Kanada, während sich China zeitgleich ebenfalls geöffnet hat. Und die ganzen großen Fabriken sind daraufhin weggezogen. Aber die Manager Stellen sind geblieben. Das heißt die Vororte sind sehr reich geblieben und noch reicher dem Stadtkern gegenüber geworden. Und die Menschen in der Innenstadt habengleichzeitig  ihre Arbeit und damit Geld verloren. Ungefähr die Hälfte der Stadt hat vor bis ein paar Jahren Sozialhilfe bekommen. Das war ungefähr vor zehn Jahren. Genau dann als ich geboren wurde.

Die positive Entwicklung, die wir jetzt sehen, ging aus von einem Professor, von einer Universität aus Michigan. Es ist nicht so, dass die Menschen in der Innenstadt keine Essenskultur hatten, weil sie es nicht checken, dass ungesundes Essen Krankheiten auslöst, sondern weil sie einfach keine Möglichkeit hatten, gesünderes Essen einzukaufen. Und wenn du Obst kaufen wolltest, musstest du das im Späti kaufen, in dem ein Apfel ungefähr 2 € gekostet hat.

 

Aber ich verstehe das nicht, hätten die Supermärkte nicht sehen können, dass da Bedarf ist, und auch Menschen sind, die ihre Nahrung einkaufen müssen?

Es fehlte einfach die Dichte an Kundschaft mit der Liquidität. Und es ist auch super gefährlich. Detroit ist eine der gefährlichsten Städte der USA. Das ist schon immer so gewesen. Die Stadt hat die drittgrößte Mordrate in den USA.

 

Berlin ist wahrscheinlich auch nicht ansatzweise perfekt, aber wahrscheinlich dann doch ein ganz schön großer Unterschied zu Detroit, oder?

Ja das stimmt. Weil trotz der Armut, die es hier in Berlin auch gibt, gibt es für die meisten Probleme Lösungen. Es gibt ja auch weniger Waffen.

 

Um bei Berlin zu bleiben, wie stehst du zu Neukölln?

Teilweise sehr unangenehm, weil hier auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit herrschen kann. Die geht mir auch teilweise auf den Geist. Wenn ich frei habe gehe ich nach Charlottenburg und gehe einfach in der Kantstraße etwas essen.

                                

Und gibt es positives?

Trotz dieser vielleicht etwas aggressiven Grundhaltung, finde ich dass die meisten hier sehr offen sind. Weil auch viele  zugezogen sind. Und die wenigsten haben hier die Grundeinstellung, dass der Kiez ihnen alleine gehört. Ich meine damit diese Einstellung, wir wollen euch hier nicht, ihr gehört hier nicht rein. Die gibt es hier im Kiez sehr selten. Die meisten gucken rein, und denken hey, vielleicht könnte das was für mich sein. Wenn sie halt merken, dass es das nicht ist, dann gehen sie halt weiter. Und diese Offenheit. 


»Dass die Leute sich hier vielleicht etwas mehr trauen, ihr Leben zu leben. Und nicht immer genau zu wissen was eigentlich gerade abgeht.«

 

Und zum Abschluss, wie trinkst du deinen Kaffee am liebsten?

Immer etwas schwarzes. Entweder Filterkaffee oder einen Espresso.  



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